Da wo die einz'gen Rosen blüh'n...

                 Karibu in meiner großen verrückten Welt
Karibu in meiner großen verrückten Welt

Tollemogei!!

Lang, lang ist's her, dass ihr meinen afrikanischen Geschichten lauschen durftet. Doch heute ist es wieder soweit. News aus Tanzania - live and uncut! Und das am Rosenmontag! Tollemogei!!

Viele und vieles hier macht es einem nicht leicht, vor allem als weiße Frau. Doch egal ob Ärger, Frust, Unverständnis oder Einsamkeit meine Arbeit macht alles wieder wett. Daran kann ich mich festhalten, das macht mich glücklich - vor allem in Kombination mit Chapati (Art Pfannkuchen, nur aus Mehl, Wasser und Salz zubereitet, aber mjammjammjam), Kreuzworträtseln und der musikalischen Untermalung der auf mich psychedelisch wirkenden Band the Eels. Meine Arbeit hier, meine 121 Kinder, machen mich glücklich, trotz Enttäuschungen, die zwangsläufig immer wieder auftreten.

Tolleemogeeeeeeeiiiiii....!!!
Tolleemogeeeeeeeiiiiii....!!!

Doch nun möchte ich doch einmal das Geheimnis lüften, was die kleine Sophia da zusammen mit ihren Kids anstellt, ausheckt, was sie vor hat, wie sie das anstellen möchte und warum überhaupt.


Ich arbeite an einem katholischen Kindergarten (allerdings hat das keinen direkten Einfluss auf unsere Kinder, alle, egal welcher Religion zugehörig, sind bei uns
herzlich willkommen) in Sanya Station, der Massai-Steppe zu Boma N'gombe gehörig ("n'gombe" bedeutet Rind, Rinder), in der Nähe Moshis ("moshi" Kiswahili für Staub, Rauch), also in der Region Kilimanjaro, welchen ich fast jeden Tag morgens auf meinem 10m (!) weiten Schulweg bewundern kann.

Da mein eigentliches Projekt in der Nähe Bukobas am Victoriasee aus bereits erwähnten Gründen gescheitert ist, war ich danach innerhalb meiner Projektsuche an vielen Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern u.Ä. zu Besuch. Daher und durch das Gespräch mit einigen anderen erfahrenen Leuten Tansanias, weiß ich, dass das Unterrichtsschema an nahezu allen Schulen Tansanias gleich oder zumindest ähnlich abläuft:

 

 

 

Der Lehrer sagt etwas - die Schüler wiederholen Gesagtes 2-30x, der Lehrer schreibt etwas an die Tafel - die Schüler schreiben dies (oder versuchen es zumindest) auf ihre kleinen Schultafeln oder in ihr Heft ab. Was wir von Kindern gewöhnt sind, nämlich von ihnen bis zur Verzweiflung mit Fragen gelöchert zu werden, existiert hier genausowenig wie richtiges Brot oder Käse. Man stellt keine Fragen. Alles ist eben wie es ist. Dies beeinhaltet Folgen, welche vermutlich die gesamte Entwicklung der Kinder beeinflusst. Im Kindergartenalter (also von etwa 3-6 Jahren) wird eine ganze Entwicklungsphase oder -stufe völlig außer Acht gelassen. Die Zeit in der Kinder meiner Meinung nach auf andere Art und Weise "lernen" sollten. Denn "lernen" ist doch nicht gleichzusetzen mit "wissen". Traurigerweise gehen selbst wir in Europa oder insbesondere in Deutschland diesem Trend nach. "Frühförderung" - so nennen wir das. Die bereits 2-jährigen auf die zukünftige Karriere als Ingenieur, Arzt oder Richter vorbereiten?! - wohl kaum (erst recht nicht hier!!). Im Gegenteil, ich denke, dass dem Kind dadurch in seiner späteren Entwicklung einige Eigenschaften, (Denk-)Perspektiven oder Fähigkeiten abgehen werden. Den Kindern in Tansania fehlt oft völlig der Zusammenhang, soll heißen, meist wissen sie weder was sie gerade tun oder gar wozu.


Auch ich habe im Kindergarten damals "nur" gespielt. Lesen, Schreiben und Rechnen kann ich inzwischen trotzdem ganz gut. Sollte es nicht vielmehr um die emotionale, geistige und kognitive Entwicklung der Kinder gehen?


Sollte man nicht eher versuchen erzieherisch und spielerisch Eigenschaften wie verschiedene emotionale Kräfte (z.B. Vertrauen und Selbstbewusstsein), Neugier, Kreativität, Konzentration oder einen sensiblen Umgang mit seinen Mitmenschen zu fördern und vermitteln?


Meiner Meinung nach - ja. Und genau deshalb komme auch ich hier ins Spiel. Meiner Ansicht nach kann ein Kind mit drei Jahren gar nicht verstehen, dass zwei plus drei fünf sein soll.


Aus diesem Grund bin ich jetzt seit einigen Monaten dabei den Kindergarten kindgerechter zu gestalten. Aus Deutschland habe ich insgesamt über 80kg Spiel-, Mal- und Bastelsachen mitgenommen - großteils aus Spenden - ein unendliches Dankeschön an diesem Punkt nochmal an alle Privatpersonen, Firmen und Banken.

Wir malen und zeichnen nun gemeinsam (für die meisten Kinder war das das erste Mal), Kunstwerke, welche wir dann im Klassenzimmer aufhängen, spielen Fußball (Grün gegen Rot - klar dass ich für die Roten spiel') und etliche andere kleine Gruppenspiele, haben gemeinsam Gemüse und Obst angebaut (um den Kindern zu vermitteln, dass es selbst bei den schlechten Vorraussetzungen einer Steppe mit Hilfe der richtigen Pflege und Hege möglich ist verschiedenste Lebensmittel anzubauen), die Kinder waschen sich inzwischen nach dem Klo-gehen und vor dem gemeinsamen Mittagessen die Hände (!!!) und danach wird gemeinsam Zähne geputzt (dies lag mir besonders am Herzen, denn traurigerweise haben hier nämlich, entgegen aller Gerüchte, viele Kinder bereits schwarze Zähne sobald ihre zweiten gerade erst rausspitzen), wir singen, tanzen und lachen zusammen. Es soll um die Kombination aus Erziehung, Spiel und Spaß gehen. Ich bin der einzige "Mzungu" (bedeutet soviel wie Europäer oder Weißer) in meinem Dorf, wo es heißes Bier, Salz und Mangos zu kaufen gibt, wohne zusammen mit den beiden anderen Lehrinnen und deren Sohn und Neffen im Lehrer-Haus.

Einkaufen im Bus - es gibt fast alles.
Einkaufen im Bus - es gibt fast alles.

Die jüngere Lehrerin kann ein wenig Englisch, ansonsten spricht hier jeder Kiswahili. Ich liebe es hier, die Liste der Dinge, die ich hier lernen kann, ist scheinbar endlos. Sei es die tansanische, afrikanische Kultur, die ich hier zu 100% miterleben darf (eben gerade weil ich hier im Nirvana wohne) und jeden Tag wieder etwas Neues rausfinden oder Hintergründe, das "Warum" verstehen lerne.


Seien es die tiefsten Abgründe meiner Selbst, so dass auch ich mich besser kennenlernen kann. Oder auch Essentielles für mein weiteres Leben, Erfahrungen, neue Perspektiven und Meinungen.

Der nächste Laden etwa 3km weiter. Die 14-jährige Neema verkauft dort und passt auf ihre drei kleineren Geschwister auf.
Der nächste Laden etwa 3km weiter. Die 14-jährige Neema verkauft dort und passt auf ihre drei kleineren Geschwister auf.
Wir könnten das SO machen...
Wir könnten das SO machen...

Wissenszuwachs, Erkenntnis, Aha-Erlebnisse, wundervolle Disskussionen und Gespräche, Beobachtungen, Gedankenkonstrukte, Bilder und Filmchen in meinem Kopf, Farben, Fantasien, uuuuuuhuuuuuhuuuuuuuu... :O Freunde und "Freunde", Ausblicke - raus in die Welt und in mich hinein, Einsamkeit, arbeitswütige Sophia, die niemals Urlaub nimmt,  Belästigungen, Gerüche, (zu viel - unvorangekündigten) Körperkontakt, geballte andersartige Kultur, vollkommen andere Denkweisen, Vergleiche, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Feiern bis der Arzt kommt (den man hier besser nicht braucht) oder weinend unter'm Kissen liegend, den ganzen Tag Wäsche waschen, weil die Wäscheleine mal wieder gerissen ist (ein 3-faches Hip-Hip-Hurra auf die Waschmaschine!!!) oder das Erlernen des Nichts-Tuns (unerlässlich!), eine 3Tonnen-Geduld-Flatrate pro Woche, überquellendes Testosteron der Tansanier, Behinderungen, Bananenbier, Weißen-Mythen (Sex mit einer weißen Frau hilft gegen Aids und den Sündenerlass, was will man mehr?!), DalaDalas, Aids, Albinos, Teufelsaustreibungen, Tod, Musik & Tanz, Hochzeiten, Religionen oder Bekenntnislosigkeit, Sitten & Bräuche, Über-sich-hinauswachsen, Politik, Rülpsen, Schmatzen, Furzen, Stehklos, Ekel, Ratten, Die-Super-Touris, Korruption, Bier nach bayerischen Reinheitsgebot für 1€ :-), Nicht-Existenz von Autorität, allerdings stark ausgeprägte Hierarchien, Weißen-VIPs,... und noch vieles vieles mehr...

mit Tom, Mama Lorenz und Lorenz
mit Tom, Mama Lorenz und Lorenz

 

 



...doch am wichtigsten ist wohl mein magic-TELESKOP mit dem ich in andere Welten reise, in meine kleine Welt, die eigentlich doch sehr groß ist, weil es sooo viel zu sehen, sooo viel zu entdecken gibt... achja KARIBU...
Ich denke ich werde als die gleiche Sophia zurück kommen, nur klüger, dankbarer, erfahrener, erwachsener, selbstständiger, reifer, aber gleichzeitig kindlicher, glücklicher, lebensfroher und verrückter...

 

Wie ich es vermissen werde hinten auf dem Pick-up mitzufahren.
Wie ich es vermissen werde hinten auf dem Pick-up mitzufahren.
Gaudi :D
Gaudi :D

Verändern werd ich hier nichts können... Und mit der Erwartung darf man denke ich auch nicht herkommen. Aber ich gebe meinen Kindern für 1 Jahr ganz viel Liebe... <3 - ehrliche Liebe. Auch körperliche Liebe, die sie von daheim im Normalfall nicht gewöhnt sind. Ich mach alles mit und die Kinder haben erstaunlich schnell festgestellt, dass auch ich kitzlig bin... Und Spaß, ein Jahr unendlich viel Spaß, Lachen, Unfug, Unterricht boykottieren, Freizeit, die Kindheit feiern und leben, 1x Rosenmontag erleben und 36563x "Tollemogei" schreien... und wenn auch nur 5 Kinder vielleicht mal ihren Kindern Zahnbürsten kaufen oder sich merken nach dem Toilettengang die Hände zu waschen, wie man hier Lebensmittel anbaut oder sich bewusst darüber bleiben, was für wertvolle, individuelle und von Sophia geliebte Menschen sie sind und dass auch sie versuchen diesen Lkw voll Liebe an ihre Mitmenschen zu verteilen ;-) Free Hugs unso (alles andere hab ich ja oben schon erläutert ;-))<3 <3

blumige Grüße :)
blumige Grüße :)

Und natürlich will nicht nur ich von deren Kultur lernen und erfahren, sondern möchte auch gerne einen Austausch betreiben. Ich zeige den Kindern Fotos von meiner Heimat, Bayern, dem goldenen Markt (der nicht mehr ganz so glänzt seit ich nicht mehr da bin - hab ich mir sagen lassen <3).

 

Unsere Kinder (und inzwischen auch ich) tragen weiß-blaue Schuluniformen, wir spielen regelmäßig "Reise nach Jerusalem", nur dass es bei uns "Safari ya Geisenhausen" heißt, das "Fliagaliad" beherrschen meine Kinder besser als so manche bayerische Einheimische, und nicht zuletzt fanden sie meinen "Rüüüüü...schal" überaus stillvoll, doch dieses heimatverbindende Accessoire wird zuverlässig in Ehren gehalten! (Tollemogei und nochmal vielen Dank an Flo und Thomas an dieser Stelle!)

 

Bussi & Kussi

Bis zum nächsten Mal

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